Texte (2) Narratives

 

 

Kurzprosa; einige Beispiele in loser Anordnung

Polo

Sie kommen auf heißen Pferden. Zwei Reiter in Trikots nähern sich, eine Frau und ein Mann. Beide stattlich, trainiert und elegant in ihren Bewegungen. Sie steigen ab und verlangen von mir eine Entschädigung: Jetzt, da sie mich getroffen haben, wird es ihnen unmöglich sein, die gemeinsam mit Freunden geplante Polo-Reise nach Übersee anzutreten, lautet der gegen mich erhobene Vorwurf. Pro Nacht, fordern sie, würden 10 EUR fällig. Dies alles tragen sie mit großer Ensthaftigkeit und Ruhe vor, aber auch Strenge klingt aus ihren Worten. Ja jetzt, da ich mich noch einmal erinnere, höre ich die Worte als Drohung; aber diese Drohung entspringt einer tiefen Kränkung.

 

Das Areal auf dem wir uns befinden, und in das ich zufällig geraten war, ist eine Wildnis am Rande der Stadt, eine Brache. Schutt überall, Hinterlassenschaften eines Schotterwerks, Baustoffhandels … eingefasst von einem niedergetretenen Zaun. Ich erkläre, ihnen bei der Ausübung des Polo-Trainings nicht im Wege zu stehen, sie hätten freie Verfügung über das Areal und könnten sich auf die geplante Reise ungestört vorbereiten. Sofort stehe ich auf und begebe mich in Richtung des niedergetretenen Zauns. Die Frau folgt mir, sie ist misstrauisch, ihr Gesicht verhärtet. Dass sie nun nichts mehr gegen mich in der Hand haben, scheint ihr nicht recht zu sein, ich höre, wie sie mir unfreundliche Gedanken hinterherflüstert. Erbärmliche Drecksau.

 

Wie sie denn überhaupt auf den Gedanken gekommen seien, ich könnte ihre Pläne durchkreuzen, ihr Vorhaben sogar gänzlich verhindern? Ich frage, ohne an einer Antwort interessiert zu sein, bekomme auch keine. Sie sieht mich feindselig an. Den Zaun noch weiter hinuntertretend verlasse ich das Areal, das Areal der Polo-Krankheit. Die Pferde grasen noch in der Sonne, als die Autos schon wieder Gas geben. Mein Blick wandert auf dem zerbrochenen Asphalt.

Die Ökonomie der Selbsterhaltung

Völlig verschwitzt und außer Atem trete ich an die Haustür, gerade bin ich im Begriff, den Schlüssel herumzudrehen, da vernehme ich hinter mir eine Stimme, wo denn Hausnummer 21 zu finden sei? Ich drehe mich um und sehe ein Mütterlein mit weißem Haar, wenig Zähnen – einem, um genau zu sein – und einer rosafarbenen Jacke. Die Queen, geht es mir durch den Kopf – stimmt zwar nicht, doch ab einem bestimmten Alter sind ja alle Frauen die Queen. Hier ist 19b, entgegne ich, 21 muss demnach in dieser Richtung liegen, und deute die Straße hinunter in die falsche Richtung (was ich aber erst später bemerke).

 

Jetzt erkennt die alte Dame, dass mit mir etwas nicht stimmt: Schweiß läuft mir über das Gesicht, als befände sich unter meinem Scheitel eine natürliche, unablässig sprudelnde Quelle. Sie schwitzen aber, ruft sie fast erschrocken. Ja, das tue ich. Sind Sie gerannt? Ja, das bin ich. Müssen Sie das? Nein, das tue ich freiwillig – kaum habe ich den Satz ausgesprochen, zweifle ich bereits an dessen Wahrheitsgehalt. Wollen Sie sich schaden? fragt die ortsunkundige Seniorin mit der Überzeugung derjenigen, für die jede überflüssige Bewegung – also eine ohne unmittelbaren praktischen Nutzen – ein mutwilliger Akt gegen die Ökonomie der Selbsterhaltung und die Güte des Schöpfers ist, der uns nicht geschaffen hat, dass wir uns selbst zugrunde richten. Mir gelingt es, trotz meiner Verblüffung, Haltung zu bewahren und ebenso überzeugt zu behaupten, ich täte es in der Absicht, mir zu nutzen. Wollen Sie sich schaden? erneuert sie ihre Frage, in der unüberhörbar der Verdacht anklingt, hier habe jemand seinen gesunden Menschenverstand eingebüßt, mit der Folge, sich selbst einer großen Gefahr auszusetzen. Ich lache – blöd hier zu lachen, klar, kommt aber ganz unmittelbar. Entgegen einer marketingstrategisch penetrant forcierten Ansicht von der quasi-natürlichen Reinheit und Güte unseres authentischen Selbst, welches es folglich zu finden und zu kultivieren gilt, sind wir in unseren authentischen Momenten keineswegs zwangsläufig schön. Vielmehr entfaltet sich in der Vorstellung einer Gesellschaft authentischer Individuen ein Szenario von wenigstens mittlerem Schrecken: Unter unsere sozialen Kontakte würde sich ein dichter Teppich wahrhaftiger Peinlichkeiten legen. – Schwitzen ist, glaube ich, ganz gesund, und verschwinde in den Hausflur.

 

Die Treppe hinauf hallt es in meinem Kopf: Wollen Sie sich schaden? Hatte die nicht mehr ganz rüstige, aber immerhin nur auf ihren eigenen zwei Beinen – kein Stock, kein Schirm, kein Rollator – sich fortbewegende alte Dame mit untrüglicher Schärfe erfasst, dass ich den Ertüchtigungswahn der Kontrollgesellschaft nicht nur vollkommen verinnerlicht hatte, sondern mir obendrein mein Fremdgesteuertsein als Akt des freien Willens auszugeben nicht zu blöd war? Doch wo liegt die Alternative, wenn man nicht (wie) die Queen werden will?