Date : 23/03/2024

Last Updated on 12/04/2024

Sehen lernen

»Wohl kaum eine Zeit hat der Wahrnehmung so wenig Vertrauen entgegengebracht wie die gegenwärtige.«

Thomas Fuchs, Verteidigung des Menschen

Wahrnehmung ist zweifellos die Grundlage jeder künstlerischen Tätigkeit, und soweit es die visuelle Gestaltung betrifft, geht es dabei hauptsächlich und in erster Linie um das Sehen. Daher besteht die Aufgabe des Gestalters darin, sehen zu lernen – eine Aufgabe, die zwar am Anfang aller gestalterischen Tätigkeit steht, aber immer wieder neu angegangen werden muss und praktisch nie abgeschlossen ist. Wie aber lernt man etwas, das zur biologischen Grundausstattung gehört, das man nicht erwerben muss wie die Sprache, das während der wachen Phasen des Daseins zumeist kontinuierlich und von selbst ausgeübt wird?

Man sieht, ohne sich bewusst vorzunehmen, sehen zu wollen. Aber in der Regel will man ja sehen, denn das Sehen stellt den vielleicht wichtigsten Zugang zur Welt überhaupt dar, dessen Verlust mit gravierenden Einschränkungen verbunden, und ein Weiterleben nur in einer solidarischen Gemeinschaft möglich ist, auf deren Hilfe die Betroffenen in solchen Fällen angewiesen sind. Trotzdem also das Sehen eine für das Leben unter vielen Bedingungen unverzichtbare, von allen beherrschte und passiv ausgeübte Tätigkeit ist, gilt doch gleichermaßen, ob etwas und wenn ja, wie es gesehen wird, individuell oft sehr unterschiedlich ausfällt. Es sind, könnte man sagen, ebenso viele Sehweisen möglich, wie es Menschen gibt, und die Gründe dafür sind zahlreich.

»Habe ich es schon gesagt? Ich lerne sehen – ja, ich fange an. Es geht noch schlecht. Aber ich will meine Zeit ausnutzen.«

Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

Auf der physiologischen Ebene mag das Sehen für alle Menschen weitgehend gleich sein; weder der Aufbau der Sinnesorgane noch die neuronale Verarbeitung der Sinnesreize weisen individuell signifikante Unterschiede auf, Sonderfälle wie die Synästhesie nicht eingerechnet. In der soziokulturellen Praxis des Sehens sind die Differenzen jedoch erheblich. Wahrnehmung insgesamt ist ein selektiver Vorgang, bei dem nur ein Teil der in der Umwelt verfügbaren Reize in unser Bewusstsein gelangt. Bereits im Aufbau der Netzhaut ist diese grundlegende Eigenschaft zu erkennen: lediglich in einem sehr kleinen Bereich des gesamten Sehfeldes sehen wir die Dinge wirklich scharf, weshalb wir, um etwas genau zu erkennen, den Blick und damit auch unsere Aufmerksamkeit direkt darauf richten müssen. Was zum Gegenstand der Aufmerksamkeit wird, hängt von zahlreichen biologischen, psychologischen und auch historischen Faktoren ab. Zwar ziehen einige Reize wie leuchtende Farben oder Bewegungen automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich, wir können aber auch aktiv beeinflussen, was wir sehen wollen, wir können unsere Aufmerksamkeit lenken. Dabei spielen individuelle Erfahrungen, Aufgaben und Interessen eine entscheidende Rolle.

Sich für das Sehen interessieren

Um Sehen zu lernen, sollte man sich zunächst einmal dafür interessieren, das Sehen selbst muss zum Gegenstand der Aufmerksamkeit werden. Da die Sinne im Alltag routinemäßig ihren nützlichen Dienst verrichten, ist dies keineswegs naheliegend. Bei künstlerisch-gestalterisch tätigen Menschen darf man aber wohl von einem solchem Interesse ausgehen, mehr noch ist anzunehmen, dass dieses nicht vorsätzlich gewählt wird, sondern bereits durch die individuelle Wahrnehmung selbst hervorgerufen wird, also auf einer spezifischen Sensibilität beruht. Darin ist ein wichtiger, wenn nicht sogar der entscheidende Grund zu finden, weshalb sich jemand der Kunst oder dem Design zuwendet. Es ist das, was man Talent zu nennen gewohnt ist.

Die Vorgehensweisen eines lernenden Sehens, das, wie eingangs erwähnt, die gestalterische Tätigkeit praktisch immer begleitet, können sehr individuell sein und eben von der jeweiligen Sensibilität bestimmt werden. In der Lehre sind aber nachvollziehbare Methoden gefragt, die die Bedingungen, Muster und Regeln des Sehens systematisch untersuchen, die Anleitungen geben, sich in das Sehen selbst zu vertiefen, dessen Möglichkeiten auszuloten und an seine Grenzen heranzutasten.

Mit diesem Artikel beginne ich eine Serie von Texten über das systematische Erlernen des Sehens – und damit der Gestaltung. Das Thema ist keineswegs neu und es haben sich bereits zahlreiche Künstler, Designer, Psychologen, Kunstwissenschaftler und Philosophen dazu geäußert, deren Arbeiten eine wertvolle Quelle darstellen, und auf die ich mich immer wieder beziehen werde. Vor dem Hintergrund meiner in langjähriger gestalterischer Praxis und Lehre gewonnenen Erfahrung sowie dem seit meiner Jugend bestehenden Interesse an visueller Wahrnehmung, an Kunst und Ästhetik und ganz besonders der Theorie des Bildes, ist der Wunsch entstanden, meinen eigenen Beitrag zu dem Thema leisten zu wollen, der, so die Hoffnung, auch von anderen mit Interesse gelesen werden kann.

Die Herangehensweise entspricht meiner doppelten Profession als Gestalter und Kulturwissenschaftler, woraus sich ergibt, dass die gestalterische Praxis aus der Innenperspektive angegangen wird und die Theorie von einem kulturwissenschaftlichen Anspruch geprägt ist. Mir ist es sowohl um einzelne Personen – Gestalter, Künstler, Wissenschaftler, die bedeutende Beiträge im Umfeld einer Theorie der Gestaltung geleistet haben – als auch den kulturhistorischen Kontext zu tun. Es ist zwar davon auszugehen, dass dem Menschen grundsätzlich ein gestalterischer Impuls zu eigen ist, es sich bei der Gestaltung um eine anthropologische Konstante handelt, die allerdings nur im Rahmen der historisch-gesellschaftlichen Entwicklung sinnvoll beurteilt werden kann. Auch für das Sehen als Voraussetzung gestalterischer Tätigkeit gilt dies festzustellen. Das obenstehende, dem Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge von Rainer Maria Rilke entnommene Zitat, verweist auf die soziokulturelle Dimension des Sehens: Aus der beschaulichen Provinz verschlägt es den Ich-Erzähler zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die pulsierende Metropole Paris, wo neuartige Seherlebnisse ihn herausfordern, schockieren oder verwirrt zurücklassen.

Noch eine Anmerkung zur Methode

Bei diesen Texten handelt es sich um work in progress, das bedeutet, ich werde die Texte immer wieder überarbeiten und ergänzen, wo es mir notwendig erscheint. Die Veröffentlichung in einem Stadium des Unfertigen halte ich insofern für unproblematisch, als damit nicht gemeint ist, es handele sich um bloße Entwürfe oder Skizzen, denen es am Wesentlichen mangele.

Die Texte werden sich an der nachstehenden Liste orientieren, die zum jetzigen Zeitpunkt als ebenso vorläufig und unvollständig verstanden werden muss:

  • Wahrnehmungspsychologie
    • Bildbezogene Tiefenreize
    • Konstanzphänomene
    • Gestaltprinzipien
    • Selektive Wahrnehmung
    • Präattentive Wahrnehmung
    • Gleichgewicht
    • Ausdruck
  • Semiotik
  • Visuelle Kultur
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