Date : 23/03/2024

Last Updated on 21/05/2024

Sehen lernen

»Was sehen wir, wenn wir sehen?«

Rudolf Arnheim1

Wer geboren wird, erblickt das Licht der Welt. Geboren zu werden bedeutet ins Leben und damit auch in die Welt einzutreten, die von Licht erhellt ist, und als solche erblickt werden kann und muss. Die Metapher stellt leben und sehen in einen fundamentalen Zusammenhang: zu leben heißt zu sehen. Zweifellos ist die sinnliche Wahrnehmung im Allgemeinen und das Sehen im Besonderen für unser Leben von grundlegender Bedeutung: ohne sie wüssten wir schlicht nicht, wo wir uns befinden, wir wüssten nichts von der Umwelt, von anderen Menschen und Lebewesen, aber auch nicht, wer wir selbst sind. Weder die Welt noch wir selbst wären vorhanden. Als Wahrnehmung bezeichnen wir jenen Vorgang, mit dem Menschen oder andere Lebewesen vermittels ihrer Sinne mit der äußeren Welt in Kontakt treten und mit dieser interagieren, wobei sie der Umwelt lebenswichtige Informationen entnehmen. Wahrnehmend lässt der Mensch die Welt in sich hinein und weiß sich umgekehrt in der Welt als etwas, das davon verschieden ist. Wahrnehmen ist für den aktiven Lebensvollzug unentbehrlich, und das Sehen nimmt im Ensemble der Sinne eine herausragende Stellung ein. Der Verlust der Sehfähigkeit ist mit gravierenden Einschränkungen verbunden, und ein Weiterleben ist nur in einer solidarischen Gemeinschaft möglich, auf deren Hilfe die Betroffenen angewiesen sind.

Man sieht, ohne sich bewusst vorzunehmen, sehen zu wollen. Aber in der Regel will man ja sehen, denn das Sehen macht uns zu aktiven Teilnehmern am Geschehen der äußeren Welt: wo wir sehen, sind wir dabei. Sehen ist ein vorbewusster und aktiver Vorgang; es wäre falsch anzunehmen, dass wir die Welt lediglich passiv empfangen. Natürlich können wir auch gedankenverloren und ohne Ziel irgendwohin blicken, dabei visuelle Reize empfangen, gewissermaßen mechanisch sehen, ohne etwas bewusst wahrzunehmen. Dann sind wir aber nicht bei der Sache, nehmen nicht an der Umwelt teil, sind entrückt – wir starren Löcher in die Luft. Sinnvoll lässt sich nur dann von Wahrnehmung sprechen, wenn wir bewusst wahrnehmen. Und wir wissen, dass es genügt, die Augen zu schließen, um sich von der Welt zurückzuziehen. Das Sehen ist als einziger Sinn mit dieser Art Abschaltvorrichtung ausgestattet, die es jedem erlaubt, auch bei Tag eine individuelle Nacht herzustellen, welche offenbar notwendig ist, um in die Bewusstlosigkeit und Passivität des Schlafs zu sinken, in dem wir wehrlos allen möglichen Gefharen ausgesetzt sind, ohne den wir aber dennoch nicht überleben könnten.

Auf der physiologischen Ebene ist das Sehen für alle Menschen weitgehend gleich; weder der Aufbau des Auges noch die neuronale Verarbeitung der optischen Reize weisen unter Normalsichtigen individuell signifikante Unterschiede auf, weshalb wir üblicherweise davon ausgehen, dass Dinge, die wir sehen, auch von anderen gesehen werden können. Allerdings ist Sehen, wie die Wahrnehmung insgesamt, ein selektiver Vorgang, bei dem wir nur auf einen kleinen Teil der in der Umwelt verfügbaren Reize reagieren. Bereits in ihrem Aufbau sind die Sinnesorgane funktional so angelegt. So handelt es sich bei dem sichtbaren Licht, für das die Photorezeptoren auf der Netzhaut empfänglich sind, um einen winzigen Ausschnitt aus dem gesamten Spektrum der elektromagnetischen Strahlung; außerdem sind die Rezeptoren so verteilt, dass nur in einem sehr kleinen Bereich unseres Sehfeldes die Dinge wirklich scharf erscheinen. Wollen wir etwas genau erkennen, sind wir gezwungen den Blick und damit auch unsere Aufmerksamkeit direkt darauf zu richten. Was zum Gegenstand der Aufmerksamkeit wird, hängt von zahlreichen biologischen, psychologischen und auch historischen Faktoren ab. Zwar ziehen bestimmte Reize wie leuchtende Farben oder Bewegungen automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich, wir können aber auch aktiv beeinflussen, was wir sehen – wir können unsere Aufmerksamkeit lenken. Dabei spielen gesellschaftliche Normen, individuelle Erfahrungen, Aufgaben und Interessen eine entscheidende Rolle. Trotzdem also die meisten Menschen mit dem gleichen Sehapparat ausgestattet sind und das Sehen eine angeborene und im wachen Zustand ständig sowie automatisch ausgeübte Tätigkeit ist, handelt es sich ebenso um eine soziokulturelle Praxis, bei der, ob etwas und wenn ja, wie es gesehen wird, zwischen den Mitgliedern verschiedener Kulturen, aber auch zwischen einzelnen Individuen derselben Kultur sehr unterschiedlich ausfallen kann. Die Metapher von den  ›Sichtweisen‹, in denen jemand eine ›Perspektive‹ einnimmt und seinen ›Standpunkt‹ oder ›Ansicht‹ von etwas vertritt, verweist unmissverständlich auf den Zusammenhang von Sehen und Werturteil.

Jede künstlerische Tätigkeit verdankt sich der Wahrnehmung, und soweit es die visuelle Gestaltung betrifft, ist es die Erfahrung des Sehens. Sehen zu lernen ist daher die erste Aufgabe eines Gestalters, und tatsächlich können wir unsere Wahrnehmung trainieren. Die meisten von uns wissen, dass viele Künstler oder andere Spezialisten, die bei der Ausübung ihrer Tätigkeit auf die Sinne angewiesen sind, zu besonderer Wahrnehmungsleistung fähig sind: Musiker mit dem ›absoluten Gehör‹, Maler oder Feinmechaniker mit einem ›geschulten Blick‹ usw. Es mag sein, dass manchen diese Fähigkeiten angeboren sind, damit werden jedoch die Trainingsmöglichkeiten der Wahrnehmung nicht entkräftet oder abgewertet. Zwar steht die Aufgabe des Sehen am Anfang aller gestalterischen Tätigkeit, sie muss aber immer wieder neu angegangen werden und ist praktisch nie abgeschlossen. Insofern wäre hinzuzufügen: Sehen lernen ist die erste und auch die letzte Aufgabe von Gestaltern. Wie aber lernt man etwas, das zur biologischen Grundausstattung gehört, das man nicht erwerben muss wie die Sprache, das während der wachen Phasen des Daseins zumeist kontinuierlich, also ununterbrochen und ohne besonderes Zutun durch uns von selbst ausgeübt wird?

»Habe ich es schon gesagt? Ich lerne sehen – ja, ich fange an. Es geht noch schlecht. Aber ich will meine Zeit ausnutzen.«

Rainer Maria Rilke2

Sich für das Sehen interessieren

Um Sehen zu lernen, muss man sich zunächst einmal für das Sehen selbst interessieren. Da die Sinne im Alltag routinemäßig ihren nützlichen Dienst verrichten, ist dies keineswegs selbstverständlich; gerade das Gewöhnliche des Sehens steht einer bewussten Beschäftigung damit eher im Wege. Bei künstlerisch-gestalterisch tätigen Menschen darf man aber wohl von einem solchem Interesse ausgehen, mehr noch ist anzunehmen, dass dieses nicht vorsätzlich gewählt wurde, sondern bereits durch die individuelle Wahrnehmung selbst hervorgerufen wird, also auf einer spezifischen Sensibilität beruht. Darin ist ein wichtiger, wenn nicht sogar der entscheidende Grund zu finden, weshalb sich jemand der Kunst oder dem Design zuwendet. Es ist das, was man Talent zu nennen gewohnt ist – wenigstens ein Teil davon.

Die Vorgehensweisen eines lernenden Sehens, das, wie oben erwähnt, die gestalterische Tätigkeit praktisch immer begleitet, können sehr individuell sein und eben von der jeweiligen Sensibilität bestimmt werden. In der Lehre sind aber nachvollziehbare Methoden gefragt, die die Bedingungen, Muster, Regeln und Normen des Sehens systematisch untersuchen, die Anleitungen geben, sich in das Sehen selbst zu vertiefen, dessen Möglichkeiten auszuloten und an seine Grenzen heranzutasten. Weder kann man sich auf das bloß Individuelle zurückziehen, noch lässt es sich ignorieren. Sehen ist einerseits subjektiv, weshalb es zu einem großen Teil von der Psychologie, genauer: der Wahrnehmungspsychologie untersucht wird, trotzdem hat vieles was sich darüber sagen lässt Allgemeingültigkeit. Subjektivität schließt Allgemeinheit nicht aus, vielmehr gehört hier beides zusammen. Je nachdem um welchen Aspekt des Sehens es sich handelt, ist es erforderlich, den Begriff des Allgemeinen beispielsweise auf einen Kulturkreis zu beschränken, dessen Mitglieder bestimmte Normen und Werte teilen.

Mit dem vorliegenden Artikel beginne ich eine Serie von Texten über das Erlernen des Sehens – und damit der Gestaltung. Das Thema ist keineswegs neu und es haben sich in den vergangenen Jahrhunderten zahlreiche Künstler, Designer, Psychologen, Wissenschaftler und Philosophen aus unterschiedlichen Perspektiven dazu geäußert, deren Arbeiten eine wertvolle Quelle darstellen und auf die ich mich immer wieder beziehen werde. Sehen und das Sehen-Lernen sind außerordentlich facettenreiche Vorgänge, die hier nicht erschöpfend behandelt werden können – und das ist auch gar nicht meine Absicht. Mir geht es lediglich um jene Aspekte, die besonders eng mit der gestalterischen Arbeit, mit dem was visuelle Kommunikation genannt wird, verbunden sind. Meine in langjähriger gestalterischer Praxis und Lehre gewonnene Erfahrung sowie das seit meiner Jugend bestehende Interesse an visueller Wahrnehmung, an Kunst und Ästhetik und – seit etwa 15 Jahren – ganz besonders der Theorie des Bildes, veranlassen mich dazu, einen eigenen Beitrag zu dem Thema zu leisten, der, so die Hoffnung, auch von anderen mit Interesse gelesen werden kann.

Es ist zwar davon auszugehen, dass dem Menschen grundsätzlich ein gestalterischer Impuls zu eigen ist, es sich bei der Gestaltung daher um eine anthropologische Konstante handelt. Diese ist allerdings nur im Rahmen der kulturhistorischen Entwicklung sinnvoll zu beurteilen und zu verstehen. Auch für das Sehen als Voraussetzung gestalterischer Tätigkeit gilt dies festzuhalten. Das obenstehende Zitat, das ich dem Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge von Rainer Maria Rilke entnommen haben, liefert dafür ein anschauliches Beispiel: Aus der beschaulichen Provinz verschlägt es den Ich-Erzähler zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die pulsierende Metropole Paris, wo neuartige Seherlebnisse ihn herausfordern, schockieren und verwirren. Gerade unter dem Aspekt des Sehens zeigt sich hier die Großstadt als terra incognita.

Noch eine Anmerkung zur Methode

Die Herangehensweise entspricht meiner doppelten Profession als Gestalter und Kulturwissenschaftler: über die gestalterische Praxis kann ich aus der Innenperspektive berichten und gleichzeitig darauf eine kulturwissenschaftliche Sichtweise anwenden – das bedeutet vor allem, die historischen Bedingungen von Gestaltung sowie den Horizont der Normen und Werte immer einzuschalten. Wo Gestaltung, wo visuelle Kommunikation auf das Auftragsverhältnis reduziert wird, wird der Kontext eingeengt und die ästhetischen Möglichkeiten beschnitten. Dies umso mehr wie der Auftragnehmerwunsch mit einem verkäuferischen Ziel einhergeht. Visuelle Kommunikation für gesellschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Zwecke ist ästhetisch weitaus weniger engen Vorgaben unterworfen. Der am Auftragsverhältnis orientierte reduktionistische Blick ist also zu vermeiden; erst die kulturwissenschaftliche Betrachtung ermöglicht es, Gestaltung als bedeutenden Beitrag zur visuellen Kultur in ihrer gesamten Breite anzuerkennen und zu würdigen.

Die von mir verwendeten Quellen, seien es Texte oder Bilder, entnehme ich den Wissenschaften, den Künsten und der Popkultur. Gestalter, Künstler und Wissenschaftler, die bedeutende oder ungewöhnliche Beiträge zu Theorie und Praxis der Wahrnehmung und Gestaltung geleistet haben, werde ich, anders als dies in Texten zur Gestaltung üblich ist, nicht nur nennen (worauf oftmals sogar verzichtet wird, mit der Folge, dass beispielsweise die wissenschaftliche Herkunft der Gestaltprinzipien unter Designern völlig unbekannt ist), sondern auch versuchen, ihre Position im weitläufigen Netz des Wissens und Schaffens etwas genauer zu bestimmen. Mein Absicht ist es das Bild einer visuellen Kultur zu zeichnen, wie sie sich besonders seit der Zeit um 1800 entwickelt hat, und die als der eigentliche Kontext gelten muss, in dem Gestaltung und visuelle Kommunikation zu verorten und zu verstehen sind.

Bei diesen Texten handelt es sich um work in progress, das bedeutet, ich werde die Texte immer wieder überarbeiten und ergänzen, wo es mir notwendig erscheint. Zum Zeitpunkt der ersten Veröffentlichung – die Aktualisierung wird jeweils mit angezeigt – befinden sie sich daher möglicherweise noch im Stadium des Entwurfs oder einer Skizze.

Die Texte werden sich an der nachstehenden Liste orientieren, die als ebenso vorläufig und unvollständig aufzufassen ist:

  • Wahrnehmungspsychologie
    • Bildbezogene Tiefenreize
    • Konstanzphänomene
    • Gestaltprinzipien
    • Selektive Wahrnehmung
    • Präattentive Wahrnehmung
    • Gleichgewicht
    • Ausdruck
  • Semiotik
  • Visuelle Kultur

© Andreas Rauth, 2024

Anmerkungen

  1. Rudolf Arnheim (2000), Kunst und Sehen [1974], de Gruyter, S. 46.
  2. Rainer Maria Rilke (2004), Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge [1910], Süddeutsche Zeitung, S. 8.
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