Was ist Illustration? (III)

Date : 10/04/2018

Jenseits der Auftragsarbeit

Was unter dem Begriff Illustration eigentlich zu verstehen ist, darüber herrscht auch unter Illustratoren Unklarheit. Da diese Frage jedoch nur selten einmal gestellt wird, fällt der Missstand nicht weiter auf. Einen Versuch machten Patrick Hartl und Yvonne Winkler, als sie vierundzwanzig junge Illustratoren für ihren 2009 erschienenen Band Beyond Illustration zu dem Thema befragten.

Die Herausgeber, Mitbegründer des damals sehr erfolgreichen Illustrationsportals castle, leiten das Buch mit folgender Behauptung ein: »According to the classical definition illustration is regarded as a service. It serves a customer and his text. On the other hand in art the creator is his own customer. Using the various views and positions of invited artists and illustrators we will try to discuss this phenomenon.« Woher die angeblich klassische Definition stammt, wird allerdings verschwiegen.

Insgesamt kommen vierundzwanzig junge Illustratoren zu Wort. Insgesamt bleiben die Aussagen sehr schematisch, man findet nur wenig eigenständige oder tiefer gehende Ansichten. Die Auseinandersetzung mit der Kunst zeigt zweierlei: erstens ist Kunst – wenngleich manchmal als elitär verurteilt – der eigentlich zu erreichende Idealstatus kreativer Tätigkeit und als Illustrator arbeitet aus der Defensive heraus, hinter den Anforderungen der Kunst grundsätzlich zurückzubleiben. Zweitens wird Illustration immer nur als bildnerische Praxis gesehen, der Gedanke, ein Illustrator müsse ebenso gut mit Text umgehen können, taucht gar nicht auf.

Von den meisten Illustratoren wird das Auftragsverhältnis als wichtigstes Unterscheidungskriterium genannt – was möglicherweise auch damit zu tun hat, dass ihnen die oben zitierte Definition der Herausgeber vorlag. Kompromisslos fällt die Antwort des Niederländers Fons Schiedon aus: »Ich halte es für sinnvoll, etwas Illustration zu nennen, wenn es eine ist, aber es befremdet mich, wenn manche Leute ihre eigenen Arbeiten als Illustration bezeichnen, nur weil sie so aussieht. Eine solche Art von Illustration existiert nicht, das ist Unsinn. Illustration muss in Auftrag gegeben sein, basta.«1

Im Akt der Auftragserteilung, so scheint es, entfalten sich wundersame Transformationskräfte, die, ohne das Werk als solches zu berühren, dessen Status grundlegend ändern. Schließlich ist für Schiedon ein sichtbarer Unterschied ja nicht nur nicht erforderlich, sondern der Normalfall: eigene Arbeiten sehen aus wie Illustrationen.

Nun wird eine falsche Behauptung leider auch dann nicht wahr, wenn man sie mit diktatorischer Geste unterstreicht. Unsinn ist nicht die Möglichkeit von Illustration jenseits der Auftragssituation, Unsinn ist selbstverständlich die Verengung des Begriffs auf die Auftragssituation. Schon beim Selbstauftrag bricht das Argument zusammen. Wenn man darunter nicht etwas vom Fremdauftrag völlig anderes versteht, nur um ein Kriterium für Kunst zu gewinnen, führt der Selbstauftrag zu einer Arbeit, die Illustration genannt werden muss, aber keine sein darf, weil freie Arbeit und Auftrag zusammenfallen. Will man nicht den Selbstauftrag von der freien Arbeit unterscheiden, was neue Kriterien jenseits der bloßen Auftragserteilung erforderte, zählt als Auftrag nur, wo ein externer Auftraggeber nachzuweisen ist. Gewährt dieser dem Illustrator künstlerische Freiheit, nähert sich der Auftrag zwar dem Selbstauftrag, ist jedoch immer noch grundsätzlich anders, weil es eben nicht auf den Inhalt des Auftrags ankommt, sondern nur darauf, dass er von einer Person erteilt wird, die nicht der Illustrator selbst ist.

Aber wer außer dem Illustrator und seinem Auftraggeber könnte wissen, dass es sich in dem einen Fall um eine Illustration handelt, in dem anderen nicht, wenn er zwei sich äußerlich völlig gleichende Arbeiten vorgelegt bekäme? Man müsste wohl entweder zwei Illustrationen oder zwei Nicht-Illustrationen annehmen. Denkt man sich die Möglichkeit der Auftragssituation weg, verschwindet die Illustration. Wenn die Menschheit zwar auf die Idee gekommen wäre, Texte und Bilder nebeneinander auf einer Fläche anzuordnen, jedoch nie ein Auftragsverhältnis erfunden hätte, gäbe es keine Illustration. Der Faden ließe sich problemlos weiterspinnen, sodass alles, was der Mensch ohne Auftrag herstellt, Kunst ist und der Rest – zwar nicht Illustration, aber eben Nicht-Kunst.

Allerdings sind Aufträge mit oder ohne inhaltliche Vorgaben auch in der freien Kunst bekannt, die deswegen, nach gängiger Auffassung, aber nicht zur Illustration wird. Folgte man Fons Schiedon, wäre dies die unweigerliche Konsequenz. Versagen hier die Transformationskräfte der Auftragserteilung? Nein, denn in einer absurden Kehrtwende verbrieft der Auftrag, der eben noch Illustration von Kunst radikal trennte, nun den Kunststatus der Illustration. Mit Verweis auf die Renaissance wird behauptet, dass auch Auftragskunst – nach bisheriger Logik also Illustration – Kunst sein kann. Mike Loos, Professor für Illustration in Augsburg schreibt im Vorwort zu Beyond Illustration: »Gebetsmühlenartig wird wiederholt, dass auch in der Renaissance jede Kunst Auftragskunst war, woraus sie folgern, dass jeder Illustrator wohl auch Künstler ist«.2 Wo man die Kunst, die, als übermächtige Institution mit quasi-religiösem Status, gleichermaßen verehrt und verachtet wird (zeitgenössische Künstler können nicht zeichnen, so das gängige Vorurteil), nicht zur Illustration machen kann – was die eigentliche Konsequenz des Auftrags wäre –, macht man die Illustration zur Kunst – und verfehlt beide.

Wieso man sich allen ernstes auf Michelangelo und andere Großkünstler bezieht, mittelalterliche Handschriften oder herausragende Illustratoren des 18. und 19. Jahrhunderts, die beide sozusagen aus demselben Stall kommen, aber nicht erwähnt, verdankt sich wohl dem ständigen Rechtfertigungsdruck gegen den Vorwurf, Illustration sei keine Kunst, und einem damit zusammenhängenden Minderwertigkeitsgefühl sowie einer weitgehenden Unkenntnis des eigenen Fachs: Scheinbar hat man weder von William Blake noch William Hogarth, Daniel Chodowiecki oder Wilhelm von Kaulbach gehört, weiß nichts von JJ Grandville, Honoré Daumier oder Gustave Doré – um nur einige der bekanntesten zu nennen.

Die denkfaule Fixierung auf den Auftrag als Leitdifferenz hat weitreichende Konsequenzen: sie reduziert Illustration zur Branche mit allen üblichen Implikationen: Theorieverbot – denn Theorie bedeutet Kritik, die aber ist in der Regel unerwünscht –, Unterordnung unter das Verkaufsziel, Effizienzgebot, etc., mithin eine weitgehende Selbstentmündigung und Übertragung aller Verantwortung auf den Auftraggeber und die Erfordernisse des Marktes.

So werden normative Werte und Einstellungen von vornherein anerkannt. Da Illustration und freie Arbeit visuell nicht zu unterscheiden sind, muss man davon ausgehen, dass der Illustrator die ästhetischen Normen des Marktes völlig verinnerlicht hat. Am Ende ist Illustration genau das, was ihr immer vorgehalten, aber von Illustratoren gerne bestritten wird: Eine affirmative, unkritische und uneigenständige Bildpraxis, die bestenfalls als Dekoration taugt.

Ganz sicher entscheidet sich die Frage ›Was ist Illustration?‹ nicht am Auftrag, mag er in der Ausübung des Berufs auch noch so wichtig sein. Beyond Illustration zeigt deutlich, wie sehr die Reduktion auf den Auftrag den Blick für die Grundkonzepte der Illustration verstellt. Keineswegs kann die falsche Herangehensweise dem geringen Alter der Befragten angelastet werden: Sie wurden in ihrer Ausbildung offensichtlich nie an eine ernsthafte Auseinandersetzung jenseits der unmittelbar praktischen Anwendung herangeführt. Letztlich treten in den Aussagen die Konturen eines in der Illustration weit verbreiteten Unwillens zum Nachdenken markant hervor.

Ich halte es für sinnvoll, etwas Illustration zu nennen, wenn es eine ist, aber es befremdet mich, wenn manche Leute ihre eigenen Arbeiten als Illustration bezeichnen, nur weil sie so aussieht. Eine solche Art von Illustration existiert nicht, das ist Unsinn. Illustration muss in Auftrag gegeben sein, basta.

Fons Shiedon, Illustrator

Anmerkungen

  1. Fons Schiedon, [ohne Titel], in: Patrick Hartl, Yvonne Winkler (Hg.), Beyond Illustration. The Finest in Contemporary International Art & Illustration, Mainaschaff: Publikat 2009, S. 177
  2. Mike Loos, »Kunst ist, einen Pudding an die Wand zu nageln.« in, Hartl, Winkler (Hg.), 2009, S. 4–5, hier S. 5.
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